2. Vom Verstehen und Erleben (Individuelles Projekt 1)

Warum das Verstehen für eine Glaubensgemeinschaft nicht mehr wichtig ist

Eine Überlegung zum Sinn des Neuen Geistlichen Lieds von Mas Bro – Frankfurt am Main SoSe August 2013

Seit einiger Zeit gibt es immer mehr Jugendgottesdienste, in denen das Neue Geistliche Lied gespielt und gesungen wird. Das Neue Geistliche Lied (NGL) ist musikalisch gesehen das Gegenstück zur traditionellen Kirchenmusik und entwickelte sich seit den 1960er Jahren.

In meinem Essay stelle ich mir die Frage, warum das traditionelle Kirchenlied „reformiert“ werden musste, denn „Musik und Singen im Gottesdienst sind Verkündigung, Kommunikation und Inszenierung der frohen Botschaft, des Evangeliums […], Lob und Anbetung Gottes […] sowie Tröstung und Befriedung der Menschen […] in unserer Welt“2wozu also eine Reformierung der Kirchenmusik? Meine These lautet daher: Für das Erleben eines Gemeinschaftsgefühls ist das Verstehen der Texte weniger wichtig als das sich immer wiederholende Moment, nämlich die Musik – die Melodie. Auf diese Fragestellung kam ich als ich aus Interesse und im Rahmen meines Studiums einen katholischen Jugendgottesdienst besuchte und feststellte, dass die Beteiligung am musikalischen Teil des Gottesdienstes größer ist als in einem alltäglichen Gottesdienst, in welchem traditionelle Kirchenmusik gespielt wird. Bei meinem Besuch des Jungendgottesdienstes befragte ich zwei der Teilnehmer, was ihnen die Musik bedeute, was ihnen die Texte bedeuten und ob, die die Texte, die sie singen auch verstehen. Auf ihre Antworten werde ich im weiteren Verlauf eingehen. Doch zunächst muss geklärt werden, was ein Neues Geistliches Lied ist und was ein Erlebnis ist. In wenigen Sätzen wird dies nun skizziert.

Das Neue Geistliche Lied ist im Gegensatz zur Kirchenmusik vor allem für Jugendlichen zugänglicher3 und funktionsorientierter4. Die Glaubensgemeinschaft muss diese Lieder nicht in „Chören einstudier[en] und vortragen […], sondern [sie können] leicht mitgesungen werden“,5 somit fällt die Beteiligung leichter. Doch hinter der Betitelung `Neues Geistliches Lied´ steckt mehr als nur die vereinfachte Beteiligung. Es ist eine neue „künstlerische Ausdrucksform,“6 die sich besonders in der Rhythmik, Sprache und Melodie ausdrückt.7 Das NGL enthält viele „Elemente aus der Popularmusik“,8 die Sprache der Lieder ist lebendiger,9 sie sind „zeitgerecht gestaltet“,10 sprechen deshalb auch jüngere Menschen an11 und durch ihre „peppigen Melodien“ werden sie leicht zu Ohrwürmern.12 Als nächstes möchte ich den Begriff `Erlebnis´ klären, welcher beim Praktizieren des Neuen Geistlichen Lieds entsteht bzw. bei der generellen Ausübung von Musik erfahren wird. Hierbei ziehe ich die Studie Jochen Kaisers heran, dieser bezieht sich bei der Definition ´Erlebnis´ auf Gerhard Schulze. Ein Erlebnis spricht „den ganzen Menschen mit Körper und Geist an.“13 Es tritt unwillkürlich auf, kann aber auch vom Subjekt selbst bestimmt werden.14

Musik kann also auch ein Erlebnis hervorrufen und um auf die am Anfang gestellte These zurück zu kommen, werde ich nun mehr auf die Studie Jochen Kaisers eingehen, welche mir hilft die von mir gestellte These zu bestätigen. Jochen Kaiser führte eine Studie zum religiösen Erleben durch gottesdienstliche Musik durch. Er wählte für seine Studie die Methode der qualitativen Sozialforschung und interpretiert und rekonstruiert die durch Erzählungen beschriebenen Erlebnisse der Befragten.15 Insgesamt befragte er 64 Personen.16 Zur Daten Gewinnung schickte Kaiser den Personen verschiedenen Alters, einen Umschlag mit einer CD, auf welcher verschiedene geistliche Lieder Waren, von der Bachkantate17 bis hin zu dem Gospel „Oh happy day“18. Des Weiteren bat er sie noch hinzuzufügen, welche ihre Liebelingstitel auf der CD waren. Hier ein Beispiel aus seiner Studie:

Name: Maria R.

Beschreibung der Proposition Erlebnishintergrund: Musik und Leben durchdringen sich. Bestimmte Erlebnisse sind mit konkreten Musikstücken gekoppelt. Diese Kopplung geschieht durch große Gefühle, die ausgelöst wurden und von ihr nicht mehr kontrolliert werden konnten, obwohl sie dies unbedingt will. Gemeinsame Lieder helfen, aufwallende Emotionen zu bewältigen.

Alter: 22 J.,

Bildung/Milieu: Psychologiestudentin,

Wohnort: ostdeutsche Großstadt,

Geschlecht: w,

Lieblingstitel der CD: Nr. 2,

wann zur Kirche: mehrmals im Jahr,

Sonstiges: […]19

So und so ähnlich fallen die meisten Antworten der Studie Kaisers aus.

Auch die Antworten einer meiner Befragten lautet so ähnlich. Ihm gefällt jede Musik, das NGL gefällt ihm, da es auch die jüngeren anspricht, da es der heutigen Pop-Musik gleicht. In den Texten des NGL sieht er eine Weiterentwicklung der Theologie, sie sprechen aktuellere Probleme an, und gehen auch auf die Gleichstellung von Mann und Frau ein, indem z. B. Wörter ausgewechselt werden, an die Stelle des Herrn kommt nun das Wort Jesus, anstelle von Brüder verwendet man nun Geschwister. Man sei heute, was die Lieder betrifft demokratischer geworden, sagt der 46 jährige Kirchenmusiker, der fast jeden Gottesdienst musikalisch begleitet. Mein zweiter Befragter, 18 Jahre und Abiturient, gab mir auf die Fragen andere Antworten. Ihm bedeute der Text nichts, er verstehe die Texte, diese, so sagte er seien ja schließlich auf Deutsch, doch über ihren Inhalt mache er sich keine Gedanken, den Gottesdienst besucht er nur, weil seine Eltern regelmäßig die Kirche besuchen. Betrachtet man die anderen Ergebnisse aus Kaisers Studie, so fällt auch auf, dass die wenigsten auf die Texte, die gesungen werden eingehen. Für die meisten ist es einfach nur die Musik, die sie in ihrem Innern etwas fühlen lässt. Es ist also durchaus möglich zu vermuten, dass der Text und das Verstehen des Textes nur eine bedingte Rolle für das Zusammengehörigkeitsgefühl der Glaubensgemeinschaft spielt. Es ist aber auch allgemein bekannt, dass es Musik ist, die ein Gefühl der Gemeinschaft hervorrufen kann und auch soll.20 Kaiser bezeichnet es als „Klangleib“,21 welcher entsteht und mit dem man „den individuellen Glauben gemeinschaftlich ausdrücken kann.22 Demnach ist es also die Musik bzw. der Klang,23 der die Gemeinschaft zusammenführt.

Kaiser beschreibt dies im Ganzen wie folgt:

„Beim Singen geht der Klang von einem selbst aus und kehrt übers Ohr zu einem selbst zurück; darüber hinaus hört man die Anderen singen. Das Singen geschieht in erster Linie durch Klang, der, wenn man bewusst und ernsthaft singt, immer Selbstausdruck der singenden Persönlichkeit ist. Das Singen im Gottesdienst ist in der Regel ein Singen in einer Gruppe, der Gemeinde. Obwohl der Einzelne singt, fügt sich seine Stimme in den Klang der ganzen Gemeinde ein. Das Singen vor Gott, in Klage, Bitte, Trauer, Dank und Lobpreis, verbindet die Einzelnen zur Gemeinde im gemeinsamen Handeln.“2

Das Singen, die Musik und der Klang sind die Elemente, mit denen die Menschen gemeinsam ihren gemeinsamen Glauben ausdrücken können. Demnach ist es nicht zwingend erforderlich zu verstehen, was gesungen oder gespielt wird, wie die Aussage von Daniel Münster bestätigen wird:

„Das heißt nichts anderes, als dass bei religiösen Medien25 nicht allein der Verweis auf Signifikat im Sinne einer Lehre oder eine Kosmologie eine Rolle spielt, sondern ihre sinnliche Seite, ihre Klänge, Gerüche und Formen als solche von Bedeutung sind und wesentlich zur Bindung ihrer Anhänger beitragen.“26

Noch interessanter ist die These von Münster, dass die Sinne eine große Rolle beim Verstehen anderer Weltsichten helfen kann, diesen Gedanken übernimmt er von Classen, der schreibt, dass die Menschen auch mit oder durch die Sinne denken.27 Daraus ließe sich auch ableiten was Kaiser in seiner Studie behauptet, demnach kann die Musik und das Singen jemandem die Möglichkeit eröffnen, auf diese Art und Weise den Wirklichkeitszugang zu einem ihm unbekannten Glauben zu erlangen.28

Hinzuführen kann man auch noch die Kategorien des Singens, die Kaiser während seiner Studie heraus kristallisiert hat:

  • Gemeinschaftsaktion und Gemeinschafts-Konstitution29

  • Selbstausdruck und Emotionsbewältigung30

  • als Glaubensausdruck und gemeinschaftlichen Glauben31

  • Gemeinsames Singen gibt Mut und Kraft für ein Bekenntnis des Glaubens32

alle vier Kategorien haben etwas mit Gefühlen zu tun, wieder ist erkennbar, dass der Text beim Singen nicht im Vordergrund steht. Kommen wir also wieder zurück zum Neuen Geistlichen Lied, um das es in dieser Arbeit gehen soll. Wenn es die Musik und der Klang sind, die das Erlebnis hervorrufen, warum dann die „Reformierung“ der Kirchenmusik? Jeder weiß, die Zeiten ändern sich und somit auch die Musik und die Geschmäcker der Musik. Ob jemandem die Musik gefällt oder nicht und ob er dabei etwas fühlt oder nicht, hängt größtenteils von seiner unmittelbaren Umwelt ab sowie von den kulturellen und historischen Musiktraditionen und seinen Hörgewohnheiten.33 Also ist es verständlich, dass man auch in der Kirche versuchte die Musik zu reformieren, um auch die jungen Leute der Glaubensgemeinde anzusprechen. Ein erfolgreiches Modell von Gemeinschaftsgefühlsbildung ist das ökumenische Kloster in Taizé. Hier gibt es die sogenannten Taizégesänge. Die Texte sind meist kurz, auf lateinischer Sprache und wiederholen sich ständig, wie z.B. Laudate omnes gentes, laudate Dominum es ist ein Kanon auf Lateinisch und bedeutet frei übersetzt: Lobet alle Völker, lobet den Herrn. Von vielen Befragten Kaisers Studie werden die Taizégesänge genannt, eine Frau wird zitiert:

„Ein fortdauernder und sich immer wiederholender Gesang, wie ich ihn in Taizé erlebte, regt zur Meditation an, beruhigt und verbindet auf merkwürdige Weise die Sänger miteinander.“34

Ich gehe jetzt aber soweit und behaupte, dass man auch etwas sinnfreies oder etwas nicht Verständliches, wie z. B. das japanische Mantra der Nichiren Buddhisten „Nam Myoho Renge Kyo“ chanten35 kann und sich einer Gemeinschaft zugehörig und sich zu etwas Höherem verbunden zu fühlen. Ihre gesamte Liturgie ist auf Japanisch und in eigener Erfahrung habe ich festgestellt, dass die meisten in Deutschland ansässigen Mitglieder der Nichiren Gemeinde nicht verstehen, was sie chanten, aber sie können es fühlen. Dieses Phänomen gilt es aber noch weiter in der Forschung zu ergründen.

Abschließend möchte ich nochmals Jochen Kaiser zitieren, um das Ganze nicht vollkommen einseitig zu beenden:

„Das Singen wird hier als Möglichkeit der Verbindung beider Ebenen, Verstehen und Erleben aufgenommen, denn im Augenblick des Singens wird durch den Klang der Glaube erlebt und aufgeführt, aber auch im Text geschieht Glaubensausdruck.“36

1Rene Frank: Das Neue Geistliche Lied-Neue Impulse für die Kirchenmusik, diplomica Band 9, Björn Bedey (Hrsg.), Tectum Verlag, Marburg 2003, Seite 46.

2Jochen Kaiser: Religiöses Erleben durch gottesdienstliche Musik : Eine empirisch-rekonstruktive Studie, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen 2012, Seite 49.

3Rene Frank Seite 45.

4Rene Frank Seite 45.

5Rene Frank Seite 45.

6Rene Frank Seite 46.

7Rene Frank Seite 46.

8Rene Frank Seite 46.

9Rene Frank Seite 46.

10Rene Frank Seite 46; Seite 47:„Texte erzählen von Gott, von den Sehnsüchten und Problemen der Menschen, von der Erhaltung der Schöpfung, sie sind Gebete, Dank und Bitte, aber auch Lobpreisung Gottes.“

11Rene Frank Seite 46; hier zitiert Frank ein Textbeispiel aus der traditionellen Kirchenmusik wie zum Beispiel die 9. Strophe von „Jauchzt Erd und Himmel“: „Christus hie auf Erden, durch dich in uns verkläret wird, all Schwachheit wollst vertreten. Der Welt Art stark noch in uns ist, und unser Fleisch danach gelüst, drum wollst und täglich strafen, um Sünd und um Gerechtigkeit, und um Gericht mit Gütigkeit, dass wir in Gott entschlafen.“ von Ambrosius Blaurer (1492-1564) aus dem Liederbuch der EKG Hessen-Nassau 29. Auflage1987.

12Rene Frank Seite 46.

13Jochen Kaiser Seite 15.

14Jochen Kaiser Seite 15.

15Jochen Kaiser Seite 57.

16Jochen Kaiser Seite 124.

17Jochen Kaiser Seite 127.

18Jochen Kaiser Seite 128.

19Jochen Kaiser Seite 106ff; alle weiteren Angaben aller Befragten befinden sich auf den Seiten <106 und >106.

20Jochen Kaiser Seite 49.

21Jochen Kaiser Seite 49.

22Jochen Kaiser Seite 49.

23Daniel Münster Seite 127

24Jochen Kaiser Seite 49.

25Gemeint ist hier das Singen während des Gottesdienstes.

26Daniel Münster: Religionsästhetik und Anthropologie der Sinne-Vorarbeiten zu einer Religionsethnologie der Produktion und Rezeption ritueller Medien, Münchener Ethnologische Abhandlungen; 23, Akademischer Verlag, München 2001, Seite 129.

27Daniel Münster Seite 107.

28Jochen Kaiser Seite 51.

29Jochen Kaiser Seite 124.

30Jochen Kaiser Seite 124.

31Jochen Kaiser Seite 124.

32Jochen Kaiser Seite 124.

33Isabel Laack: Religionsästhetik und Religionsmusikologie-Die Behandlung nonverbaler Quellen in der Religionswissenschaft, Herausgebungsverlag- ort und – jahr unbekannt, Seite 127.

34Jochen Kaiser Seite 128

35Mehrfaches bis ständiges Wiederholen eines Wortes oder mehrerer Wörter.

36Jochen Kaiser Seite 52.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s