6. Wie klingt Religion? (Alte Projekte revisited)

Nach zwei Wochen der Stille kommt jetzt endlich doch der erste inhaltliche Teil der Ausstellung: „Wie klingt Religion?“

Ich habe einige Zeit hin und her überlegt, in welcher Form ich die Ausstellung wieder auferstehen lassen kann und bin zu dem Schluss gekommen, sie möglichst Originalgetreu hier zu Präsentieren. D.h. in Form der schönen Poster die unsere Klangaufnahmen kommentiert und kontextualisiert haben. Natürlich ist nicht alles so perfekt geworden wie ich das heute vielleicht mit mehr Zeit, Geld und Ordnung machen würde, aber so ist das eben mit Dingen die man wieder ausgräbt.

Ohne weitere Vorrede, hier jetzt das Origianlposter, das die Ausstellung eröffnet hat.

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5. Wie klingt Religion? (Alte Projekte revisited!)

Da es in diesen Blog auch so wunderbar hineinpasst, möchte ich in den kommenden Wochen ein weiteres Projekt vorstellen und in diesen Blog integrieren.

„Wie klingt Religion?“ war ein Ausstellungsprojekt das ich auch in der Übung „Praktische Religionswissenschaft“ mit einigen hoch motivierten Studentinnen realisieren konnte. Dank der „Freunde und Förderer“ der Goethe Universität hatten wir dann auch die Gelegenheit unsere Ausstellung im Mai 2011 im IG Farbenhochhaus der Goethe-Universität Frankfurt für eine Woche zu präsentieren.

Aus zeitlichen und finanziellen Gründen konnten wir die Ausstellung aber leider nur eine Woche zugänglich machen. Seit damals liegt sie eingepackt in einigen Kisten und wartet auf eine Anschlussverwendung. Durch diesen Blog habe ich jetzt endlich die Möglichkeit das Projekt in eine virtuelle Dauerausstellung zu transformieren. Aber noch mal von Beginn an um was es eigentlich geht:

Im Wintersemester 2010/11 kamen unter meiner Leitung 8 Studentinnen des Studienganges Vergleichende Religionswissenschaft zusammen, um im Rahmen der Übung des Moduls „Angewandte Religionswissenschaft“ eine religionswissenschaftliche Ausstellung zu konzipieren und zu realisieren.

Der Trend, eine anwendungsbezogene Dimension innerhalb der Religionswissenschaft fruchtbar zu machen hat sich in den letzten Jahren verstärkt. Der von Udo Tworuschka eingeführte Begriff der „Praktischen Religionswissenschaft“ beschreibt ein Modell „…entgrenzter, inter- bzw. transdisziplinärer Religionswissenschaft, die sich religionskritisch, kommunikativ, gesellschaftlich- politisch engagiert, handlungsorientierend und vermittelnd versteht.“

Mit dem Interesse der Studierenden an Klangelementen in den verschiedenen Religionen, entstand dann im Laufe des Semesters das Konzept für die Ausstellung.

In dieser wurde ein Korpus aus auditivem Material aus den Lebenswelten dreier religiöser Gemeinschaften in Frankfurt, der jüdischen Westendgemeinde, der katholischen Liebfrauengemeinde und der Höchster Sikhgemeinde präsentiert. Dabei stand das Hören im Gegensatz zum Sehen als besondere Wahrnehmungsebene der Umwelt im Vordergrund.

Wir wollten die Mehrschichtigkeit menschlicher Sinneswahrnehmung hervorheben und gleichzeitig eine Sensibilisierung für die Präsenz und Performanz von Religionen im Alltag auf klanglicher Ebene erreichen. Das Publikum sollte auf die Bedeutung von hörbarer Alltagsreligiosität aufmerksam gemacht und zu Reflexion angeregt werden. Mit dem Korpus der Ausstellung konnten wir dann auch die Zugänglichkeit von Religionen in Frankfurt illustrieren und die Vielfalt religiöser Gruppen betonen.

Neben der Erfassung der Klangdimensionen in den von uns präsentierten Religionen gehörte es außerdem zu den Aufgaben der Studenten, mit den hiesigen Religionsgemeinschaften einen Kontakt aufzubauen um eigene Klangaufnahmen von alltäglichen religiösen Ereignissen aufnehmen zu können. Es mussten Plakate, Infotafeln entworfen und nicht zuletzt die Ausstellung in der Präsentationsphase begleitet werden. Alle diese Aufgaben waren mit großem Engagement verbunden, das über das normale Maß einer Übung hinaus ging.

Obwohl es schon einige Zeit zurück liegt, hier noch einmal meinen Dank an die Studentinnen, ohne die dieses Projekt nicht möglich geworden wäre!

Hier in kürze mehr und erste Einblicke in dieses zweite Projekt!Bild

4. Ästethik der Qur’ān-Rezitation (Individuelles Projekt 3)

In der Übung ,,Nonverbale Quellen in der praktischen Religionswissenschaft“ ging es im weitesten Sinne darum empirische Forschungsmethoden wie Interview, Feldforschung, Internetauswertung, etc. ein zu üben. Des Weiteren beschäftigten wir uns speziell mit der Religionsästhetik, durch die man sich eine verstärkte Miteinbeziehung von nicht-schriftlichen und nicht-mündlichen Quellen in die bis zum kulturwissenschaftlichen Turn so stark logozentrisch ausgerichtete Religionswissenschaft verspricht. Solche Quellen sind Bilder, Skulpturen, Gerüche, Mimik, Gestik, Klänge, etc. Da ich schon im vergangenen Semester ein Seminar über Spuren des Religiösen in der Popmusik besucht hatte, wollte ich eigentlich zu diesem Thema weiterforschen und überlegte erst etwas zum Verhältnis der Muslime zur Popmusik oder Musik allgemein zu machen. Dieses Thema interessiert mich nach wie vor, sodass ich auch bald einen Text bloggen möchte, in dem ich das kontroverse Thema: ,,Musik und Islam“ genau beleuchten möchte. Dann hatte ich eine vage Idee etwas über ,,Klang in den Religionen“ zu machen, inspiriert durch eine Übung, die schon etwas länger zurück liegt und der Frage ,,Wie klingt Religion?“ nachging. Die Idee mein kleines Forschungsprojekt um die C-Rezitation kreisen zu lassen ergab sich durch die Tendenz unserer Gruppe nach der Bedeutung des ästhetischen Erlebens von Liedern, Gebeten, Rezitationen, etc. im christlichen und muslimischen Gottesdienst zu fragen und herauszufinden, wie wichtig oder unwichtig dabei das direkte Verstehen des Inhalts ist. Ich habe nämlich schon von Nicht-Muslimen gehört, dass sie sich Qur’ān-Rezitationen einfach so angehört hätten, weil sie dies als schön empfunden haben. Das Themenfeld Islam, Musik und Ästhetik im Hinterkopf hat mich also zur klanglichen Ästhetik der Qur’ān-Rezitation geführt. Außerdem wurde von westlichen Wissenschaftlern zu diesem Thema bisher nur wenig geschrieben, wie Frederick Mathewson Denny bemerkt[1]. Eine eingehendere Auseinandersetzung mit dem Qur’ān ist aber allein deshalb schon notwendig, weil sich Deutschland auf eine jüdische-christliche Bibeltradition beruft, den Islam und den Qur’ān, in dem alle biblischen Propheten und Jesus vorkommen aus dieser Tradition unverständlicherweise ausklammert. Das bahnbrechendste Werk in der Erforschung der ästhetischen Dimension des Qur’āns und seines ,,Sitz im Leben“ ist Kristina Nelsons ,,The Art of Reciting the Qur’an“ von 1985, eine Ethnographie, die auf Feldforschungen und Gesprächen mit professionellen Rezitatoren in Kairo basiert. Denny vermutet, dass die fehlende Behandlung dieses Themas an der Textzentriertheit der Bibelstudien läge und daran, dass Christen im Westen ihre Bibeltexte nicht melodische rezitieren würden, während die Rezitation bei Juden, Mönchen und Christen im Osten durchaus eine Rolle spiele.[2] Außerdem würde oft der Fehler begangen man könne Bibel und Qur’ān mit einander problemlos vergleichen. Denny ist der Meinung, dass der Qur’ān der Bibel nur ,,oberflächlich“ ähnele, während die Bedeutung und der Gebrauch des Qur’āns sich unterscheide. Beispielsweise bestehe die ,,spezielle Natur“ des Qur’ān in seiner Mündlichkeit[3]. Die erste Offenbarung an Muhammad lautete ,,Iqra‘ bi-smi rabbika!“ (Q96, 1). In diesem Zusammenhang heißt es ,,Rezitiere, trage vor im Namen deines Herrn!“ Die Wurzel von Iqra‘ kann aber auch ,,Lies!“ bedeuten, was einem durch die Koranverteilungen bekannt sein dürfte. Nelson schließt aus dieser ersten Offenbarung, dass Muhammad dazu aufgefordert wurde die göttliche Botschaft ,,durch das Aussenden von Qur’ān-Rezitatoren, und nicht von Texten“[4] zu verbreiten. So war es auch möglich, dass der Qur’ān vor einer Veränderung bis heute doppelt geschützt geblieben ist, einmal durch die ununterbrochene Kette mündlicher Bewahrer und zum anderen durch die Niederschrift auf Pergament, Tonscherben, etc. und schließlich durch die Qur’ān-Redaktion durch den dritten Kalifen Uthman Ibn Affan (reg. 644-656), dessen Regierungszeit 12 Jahre nach dem Tod des Propheten begann[5]. Gerade in dieser zeitnahen Kanonisierung und der mündlichen Tradierung durch eine Vielzahl von Prophetengefährten unterscheidet sich der Qur’ān von den Heiligen Schriften der anderen Religionsgemeinschaften. So bescheinigt auch der anerkannte Philologe und Islamwissenschaftler Rudi Paret, dass es keinen Zweifel daran gebe, ,,daß der Text im großen und ganzen zuverlässig ist und den Wortlaut so wiedergibt, wie ihn die Zeitgenossen aus dem Munde des Propheten gehört haben.“ Und weiter: ,,Wir haben keinen Grund anzunehmen, daß auch nur ein einziger Vers im ganzen Koran nicht von Mohammed selber stammen würde.“[6] Rudi Parets Übersetzung gilt bis heute als die philologisch Fundierteste. Von nicht-muslimischen Verlegern wird jedoch häufig der Fehler begangen, den Mushaf – so bezeichnen Muslime den zwischen zwei Buchdeckeln befindlichen Konsonantentext im Gegensatz zum mündlichen Vortrag (Qur’ān) – oder gar eine Übersetzung ohne arabischen Originaltext daneben als Koran zu bezeichnen. Allerdings darf nur der in Arabisch vorgetragene Text als Qur’ān bezeichnet werden, weil rund 1,6 Milliarden[7] Muslime weltweit daran glauben, dass der Qur’ān in klarer Arabischer Sprache das geoffenbarte Wort Gottes ist und zwar Wort für Wort und Silbe für Silbe. Wenn man den Qur’ān also versucht in eine andere Sprache zu übersetzen, geht die unvergleichbare Sprache und die Bedeutungsvielfalt der einzelnen Wörter verloren, obwohl Übersetzungen für nicht-arabischsprechende Muslime zum besseren Verständnis durchaus erlaubt sind. Die ästhetische Dimension des Qur’āns war im Sinne einer adressatengerechten Offenbarung zudem von Anfang an gewollt, galt es doch zunächst die unzivilisierten, schriftunkundigen Altaraber, welche aber wahre Meister in der Poesie waren, von der Göttlichkeit der Verkündigung nicht nur durch den Inhalt, sondern auch durch den Sprachstil zu überzeugen. Die Zeitgenossen Muhammads verlangten von ihm ein Wunder als Zeichen seiner Prophetie. Und das beständigste Wunder, dass er brachte ist eben der Qur’ān gewesen. So werden die Leugner der Göttlichkeit des Qur’āns in Sure 2, 23 aufgefordert: ,, Wenn ihr im Zweifel seid über das, was Wir auf Unseren Diener offenbart haben, so bringt doch eine Sura gleicher Art herbei und beruft euch auf eure Zeugen außer Gott, wenn ihr wahrhaftig seid.“ Es erübrigt sich zu sagen, dass dies bis heute kein Mensch vermocht hat. Wegen seiner Sprachgewaltigkeit und seinem ergreifenden Inhalt kommt es immer wieder dazu, dass Muslime während dem Qur’ān-Vortrag in Tränen ausbrechen. So widmet Kristina Nelson ein ganzes Kapitel der ,,Ideal Recitation of the Qur’an“, in der sie viele muslimische Quellen anführt, in der es heißt, dass die ideale Qur’ān-Rezitation bei den Hörenden Tränen auslöst[8]. Ihr wurde auch erzählt, dass Leute den Islam annahmen, nachdem sie den ersten ägyptischen Radio-Rezitator Muhammad Rif’at (1882-1950) gehört hatten[9]. Obwohl der Duden nonverbal als ,,nicht mithilfe der Sprache, sondern durch Gestik, Mimik oder optische Zeichen vermittelt“ definiert, habe ich also ein Thema gefunden, das letztlich doch wieder mit Sprache zu tun hat. Es war aber gerade dieser nonverbale Gefühlsfaktor, der mich dazu ermunterte hier weiter zu forschen. Nach einer Internetrecherche fand ich heraus, dass ein Versuch die persönlichen Erfahrungen mit der Qur’ān-Rezitation sowohl von Muslimen, als auch von Nicht-Muslimen zu erfragen, bereits einmal unternommen wurde. Damals wurde auf der vom öffentlichen Radios der University of Wisconsin-Madison und dem UW Madison’s National Resource Center betriebenen Internetseite http://insideislam.wisc.edu/  die Frage gestellt: What’s your personal experience of hearing the Qur’an recited? Dieselbe Frage möchte ich nun erneut aufgreifen und sie auf unserem Blog stellen: Was sind eure Erfahrungen mit der Qur’ān-Rezitation? Besonders interessant finde ich Kommentare von Muslimen und Nicht-Muslimen, die kein oder nur wenig Arabisch verstehen und für die eher das ästhetische Erleben in der Qur’ān-Rezitation im Vordergrund steht. Hier muss betont werden, dass selbst die muslimischen Araber den al-Qur’ān al-Karīm nicht direkt verstehen können. Da der Qur’ān aber im klassischen Arabisch herabgesandt wurde, ist es die Pflicht eines jeden Muslims sich mit der Sprache des Qur’āns vertraut zu machen und ihn zu studieren. Gute Kenntnisse des Hocharabischen, das auf dem klassischen Arabisch basiert, sind unerlässlich für das Verständnis des Qur’āns, die bloße Kenntnis eines Dialekts (z.B. Marokkanisch-Arabisch) hingegen reicht nicht aus.

Bitte schreibt nun einen kurzen anonymen Kommentar – eventuell mit Angaben über Geschlecht, Alter und Grad der Arabischkenntnisse – und teilt uns eure Erlebnisse bzw. Erfahrungen mit der Qur’ān-Rezitation mit. Diese können sich konkret auf die Rezitation Sheikh Mohammed Hashims, der über einen außergewöhnlichen Stil verfügt, oder auf irgendeinen anderen Rezitator im worldwideweb beziehen. Gegenwärtige, berühmte Rezitatoren sind die beiden Ägypter Sheikh Mahmoud Khalil al-Hussary (1917-1980) und Sheikh Abd al-Bassit Abd al-Samad (1927-1988) und der Saudi Araber Sheikh Abdullah al Khajjat (1908-1995). Die bekannteste weibliche Rezitatorin ist Nur Asiah Djamil aus Indonesien[10].

Sheikh Mohammed Hashims Rezitation von Surat Hud, Āyāt 108-112 und Surat An-Naba‘, Āyāt 31-40 findet ihr auf Youtube unter

   Rezitation Sheikh M. Hashims

http://www.youtube.com/watch?v=Zav7kpsMH_o

Berücksichtigt in eurem Kommentar bitte folgende Fragen. Auch Nicht-Muslime sind herzlich eingeladen ihre Erfahrungen mitzuteilen, wobei für sie nur die ersten beiden Fragen relevant sein dürften. Wer die jeweiligen Āyāt in ihrer ungefähren Bedeutung verstehen und sie mithilfe einer Transkription des Arabischen mitrezitieren möchte, klickt bitte auf meine beiden anderen Videos

http://www.youtube.com/watch?v=pXFsZ7v6dPM  und   http://www.youtube.com/watch?v=g5nxXS0Mbuo .

1)    Was für Gefühle, Stimmungen löst die Qur’ān-Rezitation in mir aus?

2)    Was gefällt mir an der Qur’ān-Rezitation?

3)    Was war mein schönstes Erlebnis mit der Qur’ān-Rezitation?

4)    War bei diesem Erlebnis das Verstehen wichtig oder war es vielmehr die Atmosphäre, z.B. im Ramadan?

5)    Begleitet mich die Qur’ān-Rezitation auch außerhalb der Moschee? Wenn ja, wie (mp3, youtube, eigene Rezitation), wo und warum?

6)    Welche Bedeutung hat das ästhetische Erleben von Adhān, Qur’ān-Rezitation oder religiöser Musik für meinen Glauben (Iman)?

7)    Welchen Einfluss hat mein Iman auf meine Hörgewohnheiten? Höre ich Musik, wenn ja, welche? Würde ich die Qur’ān-Rezitation vielleicht sogar als Musikersatz bezeichnen, wenn ja, warum?

Die letzte Frage ist interessant, weil erst kürzlich von Mali, dem Land der Künstler, berichtet wurde es gebe auf den Straßen nur noch CDs mit Qur’ān-Rezitationen zu kaufen. Alle weltliche Musik sei hingegen verboten. Betrachtet man solche Nachrichten tut sich eine provokante Frage auf, die da lautet: Ist die Qur’ān -Rezitation gar die einzig erlaubte ,,Musik“ für Muslime?[11] Um dieses Thema wird sich wie gesagt mein nächster Text drehen. Es folgt außerdem noch ein Text über das Interview mit Sheikh Mohammed Hashim, in dem exemplarisch das Leben eines Qur’ān-Rezitators geschildert werden und auf Probleme der empirischen Forschung eingegangen werden soll.

Vielen Dank und Herzliche Grüße,

Naeem Ahmed Sheikh.


[1] Denny, Frederick Mathewson (1989): Qur’an Recitation. A Tradition of Oral Performance

and Transmission. In: Oral Tradition, 4/1-2. 5-26. S.5.

[2] Denny, F.M: (1989): (1989): S.5f.

[3] Denny, F.M: (1989): S.6.

[4] Nelson, Kristina (1985): The Art of Reciting the Qur’an. University of Texas Press. S.3.

[5] Bobzin, Hartmut (2007): Der Koran. Eine Einführung. Verlag C.H. Beck. S.102-105.

[6] Paret, Rudi (2010): ,,Vorwort“ zu Der Koran. Übersetzung. Stuttgart: Kohlhammer. S.5

[8] Nelson, Kristina (1985): S.52-100.

[9] Nelson, Kristina (1985): S.94.

[10] Denffer, Ahmad von(2005): Ulum al-Qur’an. Einführung in die Koranwissenschaften. Aus dem Englischen übersetzt von Mohamed Abdallah Weth [zuerst 1983]: S.212.

3. Wie beeinflusst religiöse Musik den Menschen? (Individuelles Projekt 2)

Ein Vergleich zwischen einer deutschen und einer äthiopischen Gemeinde

(von Sören Schlüter)

Im Rahmen der Übung „Nonverbale Quellen in der Religionswissenschaft“ beschäftigten wir uns mit der Religionsästhetik, die sich innerhalb der Religionswissenschaft noch in der Entwicklung befindet, jedoch immer mehr an Bedeutung gewinnt. Sie wurde erst relativ spät, im Jahr 1988 von Cancik und Mohr eingeführt. Davor konzentrierte man sich hauptsächlich auf literarische Quellen. Dies ist darauf zurückzuführen, dass die Religionswissenschaft einen Teil der Methoden aus der Geschichtswissenschaft übernommen hat, die ihren Fokus hauptsächlich auf Text und Sprache legte.

Die Religionsästhetik beschäftigt sich hingegen in erster Linie nicht mit literarischen Quellen, sondern mit dem sinnlichen Erleben. Somit gerät die alltägliche Welt in den Vordergrund. Die Musik spielt neben anderen Elementen wie z.B. Bilder, Farben, oder auch der Gestaltung von Räumen eine wichtige Rolle. Ich setzte mich in meinem Forschungsprojekt daher mit der Bedeutung religiöser Musik auseinander und untersuchte wie die Musik im Gottesdienst Menschen beeinflusst. In diesem Zusammenhang habe ich zwei Gemeinden, eine deutsch evangelische und eine äthiopisch evangelische Gemeinde miteinander verglichen. Ich habe mich bewusst für die äthiopische Gemeinde entschieden, da sich diese u.a. in Bezug auf den kulturellen Hintergrund der Mitglieder von der deutsch evangelischen Gemeinde unterscheidet, und deshalb davon auszugehen ist, dass der Musik eine unterschiedliche Bedeutung beigemessen wird.

Musik besitzt im Gottesdienst grundlegende Funktionen, auf die ich an dieser Stelle kurz eingehen möchte. Ich beziehe mich dabei auf Jochen Kaiser, der in seiner Studie „Religiöses Erleben durch gottesdienstliche Musik“die Aufgaben von Musik im Gottesdienst beschreibt. So dienen Lieder, die im Gottesdienst gesungen werden dazu, das Evangelium zu verkünden. Zudem soll durch die Musik auch die Anbetung Gottes erfolgen, und es kann darüber hinaus sogar eine Kommunikation zwischen dem Mensch und Gott statt finden. Es erfolgt somit eine Begegnung des Menschen mit Gott.

Durch die Musik wird der Glaube der Gemeinde gefördert. Außerdem kann die Musik dazu führen, den Menschen zu trösten und zu befrieden. Weiterhin spielt der Aspekt der Gemeinschaft im Gottesdienst eine wichtige Rolle. Durch das Singen von Liedern in der Kirche werden die Mitglieder der Gemeinde zu aktiven Teilnehmern im Gottesdienst. Dabei wird der eigene Gesang mit dem der anderen Teilnehmer des Gottesdienstes in Einklang gebracht. Dadurch wird ein Gemeinschaftsgefühl erzeugt. Der individuelle Glaube kommt dabei gemeinschaftlich zum Ausdruck.

Die Lieder beinhalten religiöse Texte, die durch das Singen lebendig werden.

Sie werden immer wieder neu gestaltet, indem sie von unterschiedlichen Personen gesungen werden. Dadurch werden individuell sehr unterschiedliche Klänge von den Teilnehmern des Gottesdienstes erzeugt.

Mein Ziel war es, herauszufinden, ob sich einige der hier aufgeführten Aspekte in den beiden Gemeinden, die ich ausgewählt habe, wiederfinden. Die Untersuchung sollte somit Aufschluss darüber geben, ob Musik in erster Linie dem Gemeinschaftsgefühl dient oder der Begegnung mit Gott. In Bezug auf das Forschungsdesign habe ich mich für eine qualitative Untersuchung in Form eines qualitativen Interviews entschieden. Diese Methode besitzt gegenüber dem quantitativen Verfahren den Vorteil, dass sich ein breiteres Spektrum an Eigenschaften erfassen lässt. Es wird an dieser Stelle mehr Wert auf Details gelegt. Qualitative Methoden basieren daher auch auf kleineren Stichproben im Gegensatz zu quantitativen Verfahren, bei denen eine größere Anzahl von Personen befragt wird, . Bei der qualitativen Methode hingegen lassen sich auch bei einer geringeren Anzahl von Befragten wichtige Erkenntnisse gewinnen. Dennoch muss an dieser Stelle erwähnt werden, dass das Ergebnis der vorliegenden Untersuchung nicht als repräsentativ betrachtet werden kann. Aufgrund der geringen Anzahl von Befragten (vier in der deutschen, und zwei in der äthiopischen Gemeinde) lässt sich das Ergebnis nicht ohne weiteres verallgemeinern. Es lassen sich jedoch Tendenzen erkennen. Somit können Theorien gebildet werden, die dann im Rahmen einer weiteren Forschung überprüft werden können.

Der Einsatz des qualitativen Interviews lässt sich zudem damit begründen, dass es sich bei der Untersuchung nicht um messbare Daten handelt, sondern um Erzählungen bzw. Meinungsäußerungen von Mitgliedern der Gemeinde. Ein quantitatives Interview wäre deshalb nicht von Vorteil.

Eine weitere wichtige Methode stellte bei dieser Untersuchung die teilnehmende Beobachtung dar. Hier lag der Fokus besonders auf der Partizipation der Teilnehmer, und deren Interaktion untereinander. Das von mir durchgeführte Interview beinhaltet fünf Fragen, auf die ich nachfolgend noch eingehen werde. Diese Fragen beziehen sich auf das Verhältnis der Intervieweten zur Musik im Gottesdienst. Betrachtet man den Fragebogen, so lässt sich feststellen, dass diesem ein methodologischer Atheismus zu Grunde liegt, da hier Gott nicht erwähnt wird. Dennoch wurden die Fragen von den Intervieweten der beiden Gemeinden unterschiedlich aufgefasst. So wurde in der äthiopischen Gemeinde ein Bezug zu Gott hergestellt. Dieser

Gottesbezug war in der deutschen Gemeinde hingegen nicht vorhanden. Im folgenden Teil möchte ich zunächst auf die Fragen, die im Interview gestellt wurden, eingehen, und anschließend die Ergebnisse vorstellen. Zu Beginn des Interviews wurde die Frage gestellt, ob bei den befragten Personen eine Präferenz für Gottesdienste, in denen viel gesungen wird, existiert. Somit konnte herausgefunden werden, ob die Musik überhaupt einen wichtigen Bestandteil des Gottesdienstes für die Teilnehmer darstellt. In einer weiteren Frage ging es dann um die Partizipation im Gottesdienst. Es wurde gefragt, ob die Person mitsingt oder nicht. Im weiteren Verlauf des Interviews wurde letztendlich die Frage gestellt, welche Bedeutung die Musik für den Befragten sowohl innerhalb als auch außerhalb der Kirche hat. In diesem Zusammenhang sollte abschließend herausgefunden werden, ob sich die Musik in der Kirche von der Freizeitmusik des Intervieweten unterscheidet. Es hat sich herausgestellt, dass die Musik für die Mitglieder der beiden Gemeinden eine unterschiedliche Bedeutung darstellt. So steht im deutsch evangelischen Gottesdienst der gemeinschaftliche Aspekt im Vordergrund. Musik gehöre zum Gottesdienst dazu und fördere die Gemeinschaft war die Antwort einer der befragten Personen. Zudem würde die Musik den Gottesdienst abwechslungsreicher gestalten und einen festlichen Rahmen erzeugen. Die Kirchenmusik unterscheidet sich außerdem von der Musik außerhalb des Gottesdienstes. Diese besitzt für die befragten Personen andere Aufgaben. So dient Musik in der Freizeit mehr zur Unterhaltung und sorgt dafür Emotionen zu wecken. Außerdem wurde die Ansicht vertreten, Musik würde zur Bildung beitragen. Im Gegensatz zur deutschen Gemeinde wurde in der äthiopischen Gemeinde nicht das Gemeinschaftsgefühl hervorgehoben. Es wurde vielmehr deutlich, dass die Musik zur Ehre Gottes und zur Anbetung dient. Demnach hat die Musik im Gottesdienst die Aufgabe Lob und Dank an Gott zu richten. Es hat sich bei der Befragung herausgestellt, dass die Musik innerhalb des Gottesdienstes identisch ist mit der Freizeitmusik der befragten Personen. Es lässt sich also feststellen, dass die Religion das alltägliche Leben beeinflusst, und sich dies sogar in der Musik widerspiegelt. Die Musik hat in der äthiopischen Gemeinde eine viel größere Bedeutung, was sich auch in der Partizipation der Gemeindemitglieder am Gottesdienst bemerkbar machte. Was das Singen anbelangt war die Beteiligung in der äthiopischen Gemeinde größer als in der deutschen. Hier lässt sich beobachten, dass der Gesang nur beiläufig geschieht. In der äthiopischen Gemeinde wird die Musik hingegen verinnerlicht, was sich auch in der Körpersprache der Teilnehmer des Gottesdienstes bemerkbar machte. Es wird außerdem der Eindruck vermittelt, als würde der Besuch des

Gottesdienstes in der deutschen Gemeinde aus Tradition geschehen, bei den äthiopischen Mitgliedern der Gemeinde hingegen aus religiöser Überzeugung. Meine Untersuchung hat gezeigt, dass die Musik in der äthiopischen Gemeinde einen viel tieferen Sinn besitzt als in der deutschen, in der jeglicher Gottesbezug vernachlässigt wird. Statt dessen wird das Gemeinschaftsgefühl betont. Auf dieses wird in der äthiopischen Gemeinde zwar nicht eingegangen, es lässt sich jedoch an der Begegnung der Gemeindemitglieder untereinander (insbesondere an der Begrüßung) erkennen, dass das Gemeinschaftsgefühl dort größer ist. Allerdings muss an dieser Stelle jedoch beachtet werden, dass der kulturelle Hintergrund hier eine wichtige Rolle spielt. Aufgrund der Tatsache, dass die äthiopischen Gemeindemitglieder hier in einer fremden Gesellschaft leben, ist der Zusammenhalt innerhalb der Gruppe stärker.

Durch die Untersuchung ergab sich mir die Gelegenheit einen Einblick in eine fremde Gemeinde zu bekommen, die sich in jeglicher Hinsicht von meiner eigenen Gemeinde unterscheidet. So war auch der Gottesdienst ganz anders gestaltet. Die Begegnung mit den Gemeindemitgliedern empfand ich als sehr positiv. Es ließ sich ein sehr freundlicher und respektvoller Umgang sowohl der Gemeindemitglieder untereinander, als auch mir gegenüber erkennen. So wurde ich sehr freundlich in die Gemeinde aufgenommen und es offenbarte sich mir eine sehr große Hilfsbereitschaft. Diese äußerte sich darin, dass ein Gemeindemitglied die gesamte Predigt für mich in die englische Sprache übersetzte.

Die Forschung hat außerdem dazu beigetragen praktische Erfahrung mit wissenschaftlichen Methoden zu sammeln. Der Einsatz des qualitativen Interviews erschien mir bei dieser Untersuchung am sinnvollsten. Dennoch existierte bei der Durchführung der Interviews das Problem, dass die Antworten der befragten Personen oftmals sehr knapp waren. In der äthiopischen Gemeinde existierte zudem das Problem, dass die Fragen teilweise nicht beantwortet werden konnten, da die Intervieweten der deutschen Sprache nicht mächtig waren.

Literaturverzeichnis

Kaiser, Jochen: Religiöses Erleben durch gottesdienstliche Musik. Eine empirisch- rekonstruktive Studie. Vandenhoeck&Ruprecht, Göttingen 2012

Laack, Isabel: Religionsästhetik und Religionsmusikologie. Die Behandlung nonverbaler Quellen in der Religionswissenschaft

1. Einführung in das Projekt (Bitte zu erst lesen)

Auch in diesem Semester (SoSe 2013) fand an der Universität Frankfurt wieder unter meiner Leitung eine Übung zur Praktischen Religionswissenschaft statt. Nach der Ausstellung „Wie klingt Religion[1]“, der Übung: Was is(s)t Religion und der Entstehung des Blogs: „Die Bedeutung der Beschneidungsdebatte für die praktische Religionswissenschaft[2]“, fand die Übung dieses Mal unter dem Titel: „Der Umgang mit nonverbalen Quellen in der praktischen Religionswissenschaft“, statt.

Unser Interesse an diesen nonverbalen Quellen rührt daher, dass in der praktischen bzw. angewandten Religionswissenschaft, nonverbale Quellen eine immer größere Rolle spielen. Das Erkenntnisinteresse dieser Forschungsrichtung zielt nicht nur auf eine Texthermeneutik, sondern auch auf eine Lebenshermeneutik, die sich beispielsweise an musikalischen und bildnerischen Erscheinungsformen von Religion und verstärkt auch wieder am religiösen Erleben der Menschen orientiert.

Im Laufe des Semester kristallisierte sich dann bei den Studierenden das Interesse an gottesdienstbezogenen Klangerlebnissen von Gläubigen heraus. Da die Gruppe zu klein war, um ein ähnliches Projekt wie die Ausstellung: „Wie klingt Religion?“ zu realisieren, einigten wir uns darauf, dass jeder der 3 Teilnehmer der Übung ein eigenes kleines Forschungsprojekt starten würden.

Bevor die inhaltliche Erforschung der spezifischen Themen begann, nutzen wir das Semester, um methodologische Vorüberlegungen zum Thema Religionswissenschaft vorzunehmen. Dabei ging es mir in der Übung vor allem darum, dass die Studierenden ein Problembewusstsein dafür entwickelten, dass die Religionswissenschaft verschiedene Ansätze bietet, die sich nicht zwangläufig ausschließen. Dabei stand die Frage im Vordergrund, ob die Religionswissenschaft eine rein empirische Kulturwissenschaft[3] ist oder ob interkulturelle religionsphänomenologische Ansätze[4] auch nach dem „kultural Turn“ noch eine Berechtigung im Wissenschaftskanon haben.

Im weiteren Verlauf des Semester begannen wir damit uns Gemeinsam verschiedenen empirische und hermeneutische Zugänge für eine Befragung von Gläubigen zu erarbeiten. Dabei war es uns besonders wichtig, die Gefühle und das ästhetische Empfinden der Menschen in Bezug zu ihrer Glaubenserfahrung im Gottesdienst wiederspiegeln zu können. Die Menschen in Ihrem Glauben ernst zu nehmen und so ein interkulturelles Verstehen zu ermöglichen, ist gerade für eine engagierte Religionswissenschaft besonders von Nöten, da der Religionswissenschaftler sonst aus meiner Sicht keinen echten Zugang zu den Menschen erhält und er aus diesem Grund nicht an einem normativen Diskurs über das Erlebte und Erfahrene beteiligen kann. Auf welcher persönlichen Grundlage der Religionswissenschaftler dann Teilnehmer in diesen Diskursen ist, ist natürlich immer offen zu legen. Diese Offenlegung finden Sie in diesem Blog im Reiter „Unser Team“, um die einzelnen Projekte der Studierenden einordnen zu können.

In den Folgenden Einträgen dieses Blogs können Sie dann sehen welche Themen die Studierenden während des Semester bearbeiteten und wie sie sich mit ihren Thematiken auseinander gesetzt haben.

Das Format eines Internet-Blogs ermöglicht es den Lesern außerdem die einzelnen Beiträge zu kommentieren und kritisch zu hinterfragen. Wir bitten die Leser genau dies zu tun, um eine möglichst problemorientierte Debatte führen zu können. Wir behalten uns allerdings vor, Einträge die in irgendeiner Form beleidigend oder rassistisch sind, nicht in der Diskussion freizugeben.


[3] Wenn ich von kulturwissenschaftlich geprägter Religionswissenschaft spreche, beziehe ich mich dabei auf eine sehr spezielle Form des religionswissenschaftlichen Vorverständnisses. vgl. Handbuch religionswissenschaftlicher Grundbegriffe

[4] Substantialistische, hermeneutische Ansätze. Gantke, Wolfgang, Hat die Religionsphänomenologie angesichts des veränderten interkulturellen Kontextes noch eine Zukunft?, in Yousefi, Fischer Braun, Gantke, Wege zur Religionswissenschaft, Traugott, Bautz, Nordhausen 2007, S. 49.